Vor etwa zwölf Jahren war Sport für Mamie noch kein Thema. Vielmehr genoss sie es zu essen, was sie wollte – ein normales Teenager-Leben. Dick war Mamie nie, sie sei früher lediglich ein wenig pummelig gewesen, wie sie selber sagt. Doch immer wieder hörte sie dumme Sprüche, ob von Freunden, in der Berufsschule oder am Arbeitsplatz.
Die damalige Vorgesetzte von Mamie habe ihr einen Stapel Bewerbungsmappen auf den Tisch gelegt und gesagt: «Die Dicken kannst du gleich aussortieren, die sind sowieso faul.» Von anderer Seite hörte sie: «Wenn du nicht schlank bist, wirst du nie einen Mann finden.» Auch in ihrer Familie sei ihr von klein auf gesagt worden, dass sie nur schlank und sportlich Erfolg haben könne. Ihre Eltern hätten es nur gut gemeint, sagt Mamie heute. Doch solche Aussagen prägten sie nachhaltig.
Das Fass zum Überlaufen brachte letztlich die Trennung von ihrem damaligen Freund, einem Leistungsschwimmer. «Er hatte mich mit einer Frau mit perfektem Körper betrogen», erinnert sich Mamie. Neben der Trennung beeinflussten Bilder von schlanken Models auf Social Media ihre Selbstwahrnehmung negativ. Die damals 15-Jährige war mit ihrem Körper nicht mehr zufrieden. In der Folge begann sie im Fitnessstudio Gewichte zu stemmen und entdeckte das Joggen für sich. Sie rutschte wegen ihrer stark reduzierten Ernährung langsam in die Magersucht. Der Sport nahm zu jener Zeit noch nicht überhand, er bereitete ihr zunächst lediglich Freude.
Der Tiefpunkt ihrer Magersucht war im Jahr 2014 erreicht – Mamies Körper war hager. Damals hatte sie sich zusammen mit ihrem Therapeuten entschieden, die Magersucht endlich zu besiegen. Mamie musste über mehrere Jahre hinweg wieder lernen, mehr zu essen, was ihr nicht einfach fiel: «Ich hatte Angst, dass ich zu den Losern gehöre, wenn ich zunehme.»
Sportlich aktiv zu sein, war für sie nicht nur ein Mittel zum Zweck, um Kalorien zu verbrennen; sie brauchte den Sport auch, um sich respektiert zu fühlen. Denn wer auf Kuchen verzichtet und viel Sport treibt, wird bewundert. Rückblickend sagt Mamie: «Ich hatte einen sehr geringen Selbstwert und ständig das Gefühl, ich muss mir meinen Wert verdienen.»
Genau das kann gemäss Sportpsychologin Irma Heller gefährlich sein: «Oftmals wird Sportsucht verharmlost oder gar nicht erst bemerkt, da Sporttreiben sozial erwünscht und Bewegung grundsätzlich gesundheitsfördernd ist», erklärt die Expertin. Betroffene würden so oft Lob für ihren Willen und ihr Durchhaltevermögen erhalten, sagt die Sportpsychologin.
Als Mamie langsam wieder normal essen konnte, trieb sie immer mehr Sport. Sich körperlich zu betätigen, war ein Druckventil für sie: «Wenn ich Sport trieb, hatte ich keine negativen Gedanken und ich musste mich nicht mit meinem Leben auseinandersetzen.»
Mamie verlor je länger, desto mehr die Kontrolle über ihr Sportpensum. Doch Kontrolle war eigentlich genau das, wonach sie stets strebte: Sie bezeichnet sich selber als Kontrollmensch – exzessives Sporttreiben gab ihr das Gefühl, ihren Körper voll und ganz kontrollieren zu können. «Ich habe die Magersucht durch die Sportsucht ersetzt», bilanziert sie diesen Lebensabschnitt.